Thomas Janzen
KABINETT ROUGE
(english version below)
Anette Haas knüpft mit ihren Arbeiten an eine Malereitradition der Moderne an, in der die konkreten Bedingungen des Bildes und die Wirkungsweisen der Farbe zum Gegenstand, mitunter zum alleinigen Inhalt erhoben wurden. Der augenscheinliche Minimalismus ist in ihren Werken jedoch nicht mehr Sache an sich, er wird vielmehr Medium intensiver, persönlicher, auch widersprüchlicher Erfahrungen und Zustände.

Besonders deutlich wird dies in der Farbrauminstallation Kabinett Rouge, die Haas im Herbst 2004 für den Braunschweiger Konsumverein realisiert hat. Dunkelrot bemalte und gewachste Nesselbahnen sind hier wie Tapeten direkt auf die Wände gebracht. Schlitzartige Freilassungen inmitten der Farbfelder finden sich rundum im Raum auf gleicher Höhe verteilt. Fällt ihnen hier einerseits die Rolle zu, überhaupt erst eine Art Bildwahrnehmung zu erzeugen, so müssen mit ihnen zugleich Öffnungen assoziiert werden, durch die man hindurchsehen oder gesehen werden könnte. Der kontemplativen Wahrnehmung innerhalb eines warmen, roten Farbkontinuums wird so eine Blickbeziehung eingeschrieben, die weniger auf Verinnerlichung, denn auf Voyeurismus oder gar Kontrolle zurückgeht und infolge dessen das Verhältnis zum Innenraum entscheidend verändert.

© Thomas Janzen
in:
Räume / Spaces
Herausgeber: Hachmannedition, Bremen, 2010


KABINETT ROUGE

In her work, Anette Haas carries on a tradition in modern painting in which the concrete situation of the image and the effect of the color itself has become the subject, and is in fact sometimes the sole content. In her work, however, the obvious Minimalism is no longer the subject in and of itself. Rather, it is a medium for the expression of intense, personal, and often ambiguous experiences and states.

This is particularly manifested in the color space installation “Kabinett Rouge,” which Haas realized in Fall 2004 for the Braunschweiger Konsumverein. Lengths of cotton fabric are painted dark red and waxed, then installed directly on the walls like wallpaper. Empty spaces, like slits in the color fields, are left blank and distributed around the room at an equal height. These spaces have the role on the one hand of suggesting an image, but simultaneously one is forced to feel an association with openings through which one can watch, or be watched. The contemplation of the warm red color continuum thereby establishes a viewing relationship that has less to do with inwardness than with voyeurism or even control. As a result, the viewer’s relationship to the space is decisively altered.

© Thomas Janzen, 2005
Translated by Anne Posten
© VG Bild-Kunst, Bonn 2017