Frank Berninger
KARMESIN
Auszüge aus dem Text in:
Anette Haas, KARMESIN.
Herausgegeben vom niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur, 1993
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Dem architektonischen wird ein visionärer, gemalter Raum entgegengesetzt. Die Wandfläche wird aufgelöst in Weite und Tiefe. Das geschieht nicht illusionistisch. Anette Haas verzichtet auf alles vermittelnde Beiwerk und vertraut ganz auf die Empfindungskraft, die sich in die gemalte Fläche „vertieft“. Die Fläche ist die Membran zum anderen Raum, zum unmessbar Weiten.

Die Größe dieser Arbeiten ergibt sich zwingend, denn sie sind keine Fenster zum Hinausschauen, sondern sie sind die verwandelte Wand selbst.

Überblickt man die großformatigen Arbeiten chronologisch, so lassen sich verschiedene Stufen der „Auflösung der Wand“ nachvollziehen. Ausgehend von vor die Wand gespannten, großen Stoffen, entwickelt Anette Haas den monochromen Farbteppich. Um dessen Durchsichtigkeit und Durchlässigkeit – die Membranwirkung – zu steigern, imprägniert sie den Stoff mit Bienenwachs. In der nächsten Phase wendet sie sich den Randbereichen des Stoffes zu, sucht einfache Formen und Malweisen, die den Rand als Zone der Vermittlung zwischen einem sich ausbreitenden, malerischen Geschehen und der umgebenden Wandfläche herausstellen.

Mit der Einführung des Horizonts weitet sich die Membranfläche schließlich zum malerischen Raum. Es entsteht eine dritte Werkgruppe, der auch KARMESIN zuzurechnen ist.

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An der Horizontlinie ist ein klassisches, malerisches Phänomen zu beobachten – das Sfumato, das leichte Schwingen einer Linie, die von zwei aneinanderstoßenden Malflächen gebildet wird, eine leichte Unschärfe, die durch ihre Präzision atmosphärische Raumtiefe suggeriert. Das Sfumato verräumlicht die sich an ihrer Grenze minimal überlappenden Flächen.

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Die Komposition wurde auf eine Horizontlinie reduziert, an der sich die Grenze von oben und unten mit einer Vision von Tiefe und Weite durchdringt. Das Gemälde KARMESIN behält trotz dieser Raumtiefe und Landschaftlichkeit immer noch den Charakter des Vollgesogenen, eine unheimliche Dichte der Farbe. Das Filtervlies wird zum Farbteppich. Die Idee des Teppichs vereint das Weite, sich Erstreckende mit dem Stoffliche, Dichten und Prächtigen. Durch zahlreiche, dünne Farbschichten wurde dieser Teppich gebildet. Der Ablauf ist jetzt nicht mehr ablesbar. Die Schritte des Malvorgangs sind wie aufgesaugt im Stoff. Spürbar bleibt das Vollgesogene, erfüllt Schwere.

Im Werk von Anette Haas herrscht ein bewegender Impuls. Ausgreifen, ausweiten, atmen, ausspannen, ausfließen – die Weite, die Transparenz, der Raum, der Horizont, die Landschaft – in allem waltet der gleiche bewegende Drang. Dieser findet seinen Widerpart im architektonischen Raum, im Rand (d. h. in der Begrenztheit des Bildformats), in der Grenze des Schauens, dem Horizont. Der an seine Grenzen anbrandende Impuls schafft Form und Werk. Das Ausufernde wird gefasst. Maß und Größe stehen in einem Spannungsverhältnis, das den Betrachter in Atem hält – Form und Erlebnis, Gemessenheit und Ergriffenheit. Form muss in diesem Sinne unvoreingenommen und elementar verstanden werden. Form ist nicht wiedererkennbare Form, nicht Abbild, sondern Formulierung oder Format im unmittelbaren Bezug auf Körper und Architektur. Als Begrenzung und Bedingung der Malerei wird das Konkrete zuerst erlebt.

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Die Verwandlung des Gemäldes, man mag auch sagen der Wand, die es zum schwingenden Resonanzraum macht, setzt äußerste Beschränkung voraus. Jede Struktur, auch Vorstellungen und Bilder sind in diesem Sinne Struktur, begrenzt, bricht und schwächt letztlich die Übertragung. Das Problem der gestalterischen Ökonomie stellt sich als Problem der Übertragung spiritueller Energie.

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Anette Haas stellt ihre Arbeiten bewusst in ein soziales Gefüge. Die Bilder schaffen im Ablauf des Alltagslebens eine Unterbrechung; so erlebt der Betrachter den Raum, den er zuvor nur benutzte. Diese Einheit von Raum und Person, dieses „Am-Ort-Sein“ ist vorübergehend. „Am-Ort-Sein“ ist räumlich und zeitlich. Das von alters Nomadische unseres Wesens wird angerührt. Wenn Anette Haas ihre großen Arbeiten häufig auf- und abbaut, entspricht das praktisch Notwendige einer inneren Haltung. „Nomadisch“ meint hier einen Anspruch, die Bereitschaft zum Aufbruch – und die Beschränkung auf das Notwendige. Hier wird nach der Möglichkeit zu einer neuen Freiheit und Offenheit gesucht. Der Horizont gibt dieser Haltung ein treffendes Bild.
© Frank Berninger, 1993 in: Anette Haas, KARMESIN. Herausgegeben vom niedersächsischen Ministeriuum für Wissenschaft und Kultur, 1993
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